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Antonia Michalsky

Simon Stones radikale Tschechow-Adaption: Warum Seoul das neue Zarenreich ist

Simon Stones radikale Tschechow-Adaption: Warum Seoul das neue Zarenreich ist Mode & Stil

Simon Stones radikale Tschechow-Adaption: Warum Seoul das neue Zarenreich ist

Tschechows „Kirschgarten“ im 21. Jahrhundert

Anton Tschechows Drama Der Kirschgarten verhandelt den Niedergang des russischen Adels und den Aufstieg des Bürgertums zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der australische Regisseur Simon Stone verlegt diesen historischen Umbruch nun in das Seoul der Gegenwart.

Seine Neuinterpretation feierte zunächst in Südkorea Premiere und wird nun an der New Yorker Park Avenue Armory gezeigt. Gespielt wird das Stück komplett auf Koreanisch mit englischen Übertiteln.

Die Besetzung ist prominent besetzt: In den Hauptrollen stehen Park Hae-soo (Squid Game) und Jeon Do-yeon, die 2007 in Cannes für Secret Sunshine ausgezeichnet wurde. Beide Schauspieler geben mit dieser Inszenierung ihr New Yorker Bühnendebüt.

Strikte Hierarchie statt westlicher Verharmlosung

Stone sieht deutliche Parallelen zwischen der spätfeudalen russischen Gesellschaft und dem heutigen Südkorea. Die Art und Weise, wie Macht und Abhängigkeiten innerhalb von Familienverbänden nach unten weitergegeben werden, erinnere stark an das zaristische Russland.

Traditionelle Rollen wie langjährige Kindermädchen, Hauswirtschafter oder Chauffeure, die trotz Inkompetenz aus Gefälligkeit weiterbeschäftigt werden, existieren laut Stone im südkoreanischen Alltag ganz real. Genau diese Verhältnisse bilden den Kern von Tschechows Komödie über schwindendes Vermögen und ökonomische Blindheit.

Im westlichen Theater verliere das Stück hingegen oft an Wirkung. Durch scheinbar nivellierte Gesellschaftsstrukturen fehle im Westen die dramatische Fallhöhe und die zugrundeliegende soziale Beklemmung.

Die Illusion der Klassenlosigkeit

In den USA und Europa sei der gesellschaftliche Status heute visuell und sprachlich verschleiert, erklärt Stone. An der Kleidung lasse sich kaum noch ablesen, ob jemand Milliardär oder einfacher Angestellter sei.

Diese scheinbare Abflachung traditioneller Hierarchien nütze vor allem den Privilegierten, während sozial Schwächere das Nachsehen hätten. Das amerikanische Versprechen, jeder könne sich aus eigener Kraft nach oben arbeiten, hält Stone für gesellschaftlich trügerisch.

In Südkorea sei gesellschaftliche Positionierung dagegen unverhandelbar. Dort entscheide beispielsweise schon das Lebensalter darüber, welche grammatikalische Höflichkeitsform im Gespräch zwingend gewählt werden müsse.

Seoul als weltweites Epizentrum der Gegenwartskultur

Für Stone ist Südkoreas Hauptstadt derzeit das bedeutendste kreative Gravitationszentrum weltweit. Er vergleicht den gegenwärtigen Status Seouls mit der Rolle, die Paris in den 1920er-Jahren für Schriftsteller wie Ernest Hemingway und Gertrude Stein einnahm.

Koreas Film-, Serien- und Musikindustrie verbinde eine ausgeprägte fernöstliche Stilisierung mit einer direkten, ungeschönten emotionalen Wucht. Auf der Bühne arbeitet Stone mit dem Avantgarde-Architekten Saul Kim zusammen, der für die Aufführung ein aufgeschnittenes, puppenhausartiges Gebäude entworfen hat.

Der Regisseur, der in der Vergangenheit bereits Lorcas Yerma und Euripides‘ Medea radikal modernisierte, setzt darauf, dass familiäre Konflikte kulturelle Grenzen überwinden. Der Humor des Ensembles funktioniere auch über Sprachbarrieren hinweg universell.

Neuer Spielfilm über Ian Charlesons letzte Rolle

Parallel zu seiner Theaterarbeit stellte Stone in den Londoner Abbey Road Studios die Tonmischung seines neuen Kinofilms Elsinore fertig. Das Drama widmet sich den letzten Lebenswochen des schottischen Schauspielers Ian Charleson (Die Stunde des Siegers).

Charleson übernahm 1989 am Londoner National Theatre die Rolle des Hamlet, nachdem Daniel Day-Lewis die Produktion überraschend verlassen hatte. Für das Publikum unbemerkt trat Charleson schwer an Aids erkrankt auf die Bühne und starb nur sieben Wochen nach seiner letzten Vorstellung.

In Elsinore übernimmt der irische Schauspieler Andrew Scott die Hauptrolle. Der Film soll die existenzielle Kraft der Kunst und den Wert von Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellen – abseits rein ökonomischer Bewertungsmaßstäbe.