Kering testet Textil-Zukunft: Wie Pilzleder und Bio-Proteine auf den Luxus-Runway kommen
Mode & Stil
Christian Tubito und Giorgia Cantarini bringen neue Textilinnovationen zur Mailänder Modewoche.
Im Mailänder Hauptquartier des Luxuskonzerns Kering lagern mehr als 8.000 Materialproben von über 600 Herstellern und Start-ups. Seit 13 Jahren baut das Material Innovation Lab (MIL) unter der Leitung von Christian Tubito dieses Archiv auf.
Die größte Hürde bleibt jedoch die Praxis: Viele etablierte Designer zögern, neuartige Stoffe in ihre Kollektionen zu integrieren. Um den Sprung aus dem Labor in die Ateliers zu schaffen, startet Kering zur Mailänder Modewoche das Projekt „Wardrobe Edition“ in Kooperation mit der Plattform S Style.
Christian Tubito von Kering MIL und Giorgia Cantarini von S Style
Zehn aufstrebende Modeschöpfer wurden dafür bezahlt, jeweils einen kompletten Look aus biobasierten oder recycelten Materialien zu entwickeln. Um festgefahrene Denkmuster zu durchbrechen, mussten Bekleidungsdesigner Accessoires entwerfen und umgekehrt.
Der palästinensische Designer Ayham Hassan nutzte das mikrobiell gewonnene Material Lunaform von Gozen zusammen mit pflanzlichen Pigmenten von Sparxell. Die indische Designerin Srushti Patil kombinierte biotechnologisch hergestelltes Spiber-Protein mit Bio-Seide von Taroni.
Entwurf von Ayham Hassan aus Lunaform und Sparxell-Pigmenten
Lederalternativen im strategischen Fokus
Ein Schwerpunkt der Kollektion liegt auf Ersatzstoffen für Tierleder. Kering hat sich das Ziel gesetzt, den Einsatz von konventionellem Leder bis 2028 um 30 Prozent zu senken.
Das französische Stricklabel Matho setzte auf Ephea, ein Myzel-Material des italienischen Biomaterial-Unternehmens Sqim. Die Kering-Tochter Bottega Veneta verkauft daraus bereits erste Kleinlederwaren wie Kartenetuis.
Schuhdesign von Nathalie Chebou-Moth aus Bio-Seide und pflanzlichem Lederersatz
Der Mailänder Designer Giuseppe Buccinnà verarbeitete Planeta von Pasubio – ein Hybrid aus recycelten Altreifen und Biopolymeren – sowie Innovera von Modern Meadow. Er entwickelte dafür maßgeschneiderte Materialstärken für Kleidung und Taschen.
Monatelange Tests und technische Hürden
Die Verarbeitung neuer Rohstoffe stellte die Ateliers vor reale Herausforderungen. Emma Van Engelen vom Label Bhumi nutzte kompostierbares BioCirflex3D-Filament von Balena für ihre 3D-Druck-Handtaschen.

Emma Van Engelen und ihre Entwürfe mit kompostierbarem 3D-Druck-Filament
Das elastische Filament verstopfte anfangs wochenlang die Druckdüsen, da Standardeinstellungen nicht funktionierten. Erst nach mehrmonatigen Testläufen gelang die fehlerfreie Produktion.
Der Londoner Designer Maximilian Raynor kooperierte mit dem madagassischen Sozialunternehmen Made for a Woman. Da komplexe Schnitte die traditionelle Raffia-Flechterei überforderten, fertigten die Kunsthandwerkerinnen einzelne Paneele, die in London zusammengesetzt wurden.
Entwurf von Maximilian Raynor aus madagassischem Raffia-Gewebe
Korsett-Spezialist Lorenzo Seghezzi experimentierte ebenfalls mit fermentierter Nanocellulose von Gozen. Da klassische Verstärkungen brachen, fixierte er das Material schließlich mit einem doppelseitigen Schmelzvlies.
Der Druck auf die industrielle Skalierung
Während viele Start-ups im Bereich nachhaltiger Textilien mangels Abnehmern aufgeben mussten, will Kering die Lücke zwischen Labor und Massenmarkt schließen. Giorgia Cantarini von S Style begleitete die Kreativen dabei, technische Einschränkungen als gestalterischen Rahmen zu begreifen.
Designerin Kuai Li verarbeitete parallel die Seidenalternative AMSilk, recycelte Circulose-Zellulose und Spiber-Proteinfasern. Sie passte ihre Entwürfe von Beginn an an das spezifische Dehnungsverhalten der Fasern an.
Arbeit von Srushti Patil mit Spiber-Proteinfasern und Bio-Seide
Tubito betont, dass ein einzelner Konzern die Transformation nicht alleine tragen kann. Notwendig sei die Beteiligung konkurrierender Modehäuser, um die industriellen Mindestmengen für die Produzenten abzusichern.






