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Antonia Michalsky

Corpcore: Wie der 90er-Bürostil 25 Jahre nach American Psycho die Straße erobert

Moderne Corpcore-Mode mit Maßanzug und Krawatte auf der Straße Mode & Stil

Klassische Schneiderkunst und Nadelstreifen definieren die Ästhetik des Corpcore.

Der klassische Dresscode für das Büro verlässt die Chefetagen und Konferenzräume. Unter dem Begriff Corpcore – kurz für Corporate Core – etabliert sich eine Ästhetik, die traditionelle Arbeitskleidung der 1990er-Jahre aufgreift und mit Elementen aus Grunge und Streetwear neu interpretiert.

Im Mittelpunkt der Garderobe steht das maßgeschneiderte Ensemble. Hosenanzüge, Kostüme und Kombinationen aus Blazer und Rock werden mit Krawatte, gestärktem Popeline-Hemd oder freiliegenden Cardigans getragen. Ergänzt wird der Look durch Aktentaschen, transparente Strumpfhosen und markante Brillen.

Der Einfluss von American Psycho

Die Wurzeln des aktuellen Trends reichen rund 25 Jahre zurück. Im Mai 2001 erschien Mary Harrons Verfilmung von American Psycho nach dem Roman von Bret Easton Ellis.

Die von Christian Bale verkörperte Figur des Patrick Bateman prägt die Modewelt nachhaltig. Designer wie Anthony Vaccarello für Saint Laurent und Louis Gabriel Nouchi widmeten der Wall-Street-Ästhetik eigene Kollektionen – eine Hommage, die an Giorgio Armanis Arbeit für American Gigolo erinnert.

Vom Homeoffice zum neuen Power Dressing

Dass sich formelle Bürokleidung ausgerechnet in Zeiten von Homeoffice und flexiblen Arbeitsmodellen durchsetzt, wirkt nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Der Griff zum strukturierten Anzug funktioniert als Neuinterpretation des klassischen Power Dressings.

Corpcore: Wie der 90er-Bürostil 25 Jahre nach American Psycho die Straße erobert

Styling-Brüche im Streetstyle

Auf den Straßen der internationalen Modewochen zeigt sich die Wandlungsfähigkeit des Corpcore. Der traditionelle Blazer wird häufig durch Bomberjacken oder derbe Lederjacken ersetzt, während spitze High Heels oder Crop-Tops den formellen Charakter brechen.

Kombiniert werden schwere Wollstoffe, Kaschmir-Twill und Seidenkrawatten mit alltagstauglichen Teilen. Das Resultat ist eine Garderobe, die vom Vormittag bis in den Abend hinein funktioniert.

Haptik als Gegenentwurf zur Digitalisierung

Die Rückkehr zur traditionellen Schnittführung markiert auch ein Bedürfnis nach Beständigkeit. Der Fotograf Rafael Pavarotti formulierte diesen Gedanken in seiner Bildstrecke Tailoring Therapy, realisiert mit Stylist George Krakowiak.

In einer von Bildschirmen und Algorithmen geprägten Umgebung bietet maßgeschneiderte Kleidung eine spürbare, haptische Erfahrung. Entwürfe von Modehäusern wie Victoria Beckham, Tom Ford, Valentino, Duran Lantink und Max Mara setzen auf feste Silhouetten und handwerkliche Präzision, die sich klar von flüchtigen Trends abheben.