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Antonia Michalsky

Bis zu 135 Prozent mehr Suchanfragen: Warum der sterile Perfektionismus im Interior Design ausgedient hat

Farbenfrohes und unkonventionell eingerichtetes Wohnzimmer mit auffälligen Designermöbeln Design & Einrichtung

Individuelle Brüche und historische Objekte verdrängen den berechenbaren Minimalismus aus den Wohnräumen.

Zwei Jahrzehnte lang folgte die Definition eines geschmackvollen Raumes einer festen Formel: niedrige Sitzmöbel, warme Beleuchtung, Naturtöne und eine makellose Ruhe, die auf Fotos teuer wirkte. Ob Terrazza-Sofa, USM-Haller-Sideboards, Zellige-Fliesen oder der Pacha-Sessel – diese Entwürfe bleiben handwerklich stark, haben durch ihre algorithmische Allgegenwart jedoch ihre gestalterische Aussagekraft verloren.

Guter Geschmack wird unberechenbarer. Statt auf den kleinsten gemeinsamen Nenner setzen Gestalter zunehmend auf Entwürfe, die anecken, historische Brüche wagen und sich der schnellen Konsensbildung verweigern.

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Badezimmer mit Wassertapete an der Decke in einem Haus in Los Angeles.

Living room with bright decor.
Wohnbereich in Mailand mit gelbem Lochmuster-Teppich.

Marktdaten belegen Nachfrage nach surrealen Entwürfen

Der Trend lässt sich an konkreten Handelsdaten ablesen. Laut Tony Freund, Editorial Director der Handelsplattform 1stDibs, wächst das Interesse an Objekten mit ausgeprägter Persönlichkeit und unkonventioneller Herkunft spürbar.

Die Suchanfragen nach Werken von Alessandro Mendini stiegen von März bis Mai um 135 Prozent, während das Interesse an Salvador Dalí um 19 Prozent zulegte. Gespeicherte Objekte im Stil des Surrealismus verzeichneten ein Plus von 23 Prozent im Vorjahresvergleich.

Freund führt diese Entwicklung auf die Pandemiejahre zurück. In einer Phase der Isolation entstand das Bedürfnis nach Räumen, die Ablenkung und Freude bieten – durch Gegenstände mit überraschenden Materialien, ungeraden Biografien oder einer Geschichte, die sich weitererzählen lässt.

a wooden table and chairs in a dining room with yellow and green wallpaper
Esszimmer mit Holztisch und auffälliger Tapete in einem Wohnhaus in Kalifornien.

Mut zum Bruch statt Angst vor Fehlern

Lange Zeit basierte Interior-Planung vor allem auf Risikovermeidung: Bloß nicht billig, veraltet oder überambitioniert wirken. Das Resultat war die Illusion einer zeitlosen Gestaltung.

Designerin Frances Merrill von Reath Design sieht diesen Ansatz kritisch: Das Design, das am schnellsten veralte, sei meist genau das gewesen, was sich im Moment der Entstehung am sichersten anfühlte. Wer viel Geld für Gestaltung ausgebe, solle sich kompromisslos nach den eigenen Vorlieben richten.

Bis zu 135 Prozent mehr Suchanfragen: Warum der sterile Perfektionismus im Interior Design ausgedient hat

Im Projekt „Gracia LA“ von Leah Ring lautete das Briefing nicht „zeitlos“, sondern „merkwürdiger“. Das Ergebnis: ein Unterwasser-Gästebad mit Vintage-Armaturen aus Jade und Deckenpaneelen mit Meeresmotiven.

Foyer with checkered floors.
Eingangsbereich mit Schachbrettboden und patinierter Keramik.

Patina und Materialität schlagen digitale Perfektion

Gleichzeitig gewinnen Materialien an Bedeutung, die Unregelmäßigkeiten bewusst zur Schau stellen. Muranoglas, Kettenhemdelemente und verwitterte Tongefäße beziehen ihren Reiz aus ihrer Patina und den sichtbaren Spuren ihrer Herstellung.

Designer Barry Fox betont mit Blick auf historische Keramiken in einem Haus aus den 1920er-Jahren in Los Angeles, dass eine echte Patina mit keinem Budget der Welt künstlich erzeugt werden kann.

a kitchen with green cabinets
Küche mit grünen Schränken und gemusterter Sitzbank.

Die Grenze zwischen Haltung und reiner Dekoration

Einfallslosigkeit lässt sich allerdings nicht einfach durch den Kauf eines wellenförmigen Spiegels oder eines bizarren Hockers lösen. Designer Oliver Furth warnt davor, dass Skurrilität ohne echte Absicht schnell zum reinen Klickfang verkommt.

Künstliche Intelligenz kann makellose, populäre Raumkonzepte in Sekundenschnelle generieren und kopieren. Was sie nicht nachbilden kann, sind persönliche Erinnerungen, biografische Zufälle und die bewusste Entscheidung für ein Erbstück, das eigentlich nicht ins Farbkonzept passt.

Wie Designerin Pamela Shamshiri hervorhebt, bedeutet das Spiel mit dem Ungewöhnlichen nicht Chaos. Ein Objekt müsse sich seinen Platz durch handwerkliche Qualität, Detailtiefe oder spezifische Bedeutung verdienen.